• nadine

Spital vs. Geburtshaus - Wohlfühlen ist das Allerwichtigste!

Ich wollte nie Kinder. Kurz vor meinem 30. Geburtstag, verspürte ich dennoch klischeehaft vermehrt den Wunsch Mami zu werden. Doch ich war überzeugt aus Angst vor Schmerzen und aufgrund meiner Belonophobie (Angst vor Nadeln), nie in der Lage zu sein, ein Kind zu gebären.

Ich war auf der Suche nach einer neuen Gynäkologin - insgeheim getrieben von meinem immer grösser werdenden Kinderwunsches. Meine bisherige Gynäkologin war zwar gut, aber die Praxis war ausschliesslich für Frauen. Im Falle einer Schwangerschaft hätte also mein Mann die Schwangerschaftsuntersuchungen nie begleiten dürfen. Da entdeckte ich eine Gynäkologin, die Geburten in einem Geburtshaus begleitete. Ich war total beflügelt und informierte mich ausgiebig dazu. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Geburten mit Infusionen und Nadeln im Spital stattfinden würden. Meine Überzeugung, nie gebären zu können, schwand ein wenig. Schlag auf Schlag kamen weitere Erkenntnisse hinzu - oder ging ich Schritt für Schritt meiner Bestimmung entgegen?

Ein neuer Impuls kam während mir meine TCM-Therapeutin Nadeln in meinen Rücken pikste (ja, Du liest richtig: aufgrund chronischer Nackenbeschwerden und auf Empfehlung des Arztes meines Vertrauens, liess ich mich zur Akupunktur über-reden. Jedoch schaffte ich nie mehr als drei Nadeln. Mein vegetatives Nervensystem wehrte sich jedes Mal mit Schweissausbrüchen und Zitterattacken). Sie erzählte mir zur Ablenkung, dass ihre vorherige Patientin etwas über Hypnobirthing berichtete.

Hypno...was? Ich konnte mich nicht richtig auf das Gespräch einlassen, die Nadeln hatten meine volle Aufmerksamkeit. Auf dem Heimweg googelte ich diesen Begriff: "HynoBirthing ist eine natürliche Methode, Geburtsschmerzen ganz oder teilweise zu vermeiden und die Geburt entspannt, und bewusst zu erleben und zu geniessen".

Da wurde mir klar: Auch ich werde in der Lage sein ein Kind zu gebären: mit HypnoBirthing, im Geburtshaus. Zu diesem Zeitpunkt (ich war noch nicht schwanger) konnte ich nicht ahnen, dass die "Geburtslokalität" ein sehr emotionell geladenes Thema sein wird.


In der Mitte meiner Schwangerschaft - egal mit wem ich sprach - wurde mir oft die Frage gestellt: "Wo gebärst Du?". Das erste Mal habe ich mit vollem Enthusiasmus "im Geburtshaus..." geantwortet. Ich wollte soeben ausführen, wie wunderbar es dort ist, da musste ich auch gleich die erste Kritik einstecken: "Das ist absolut fahrlässig! Stell Dir nur vor Du hast einen Notfall.". Nach meinem Entscheid im Geburtshaus zu gebären, habe ich mir das mir örtlich nahegelegene Spital angeschaut. Warum? Damit ich mit den dortigen Gegebenheiten vertraut bin, sollte sich vor Eintritt ins Geburtshaus oder unter der Geburt ein Notfall ereignen, bei dem ich gezwungen wäre ein Spital aufzusuchen. Die Informationsveranstaltung im Spital begann mit einer kurzen Präsentation gefolgt von einem Rundgang durch die Geburtsabteilung. Der erste Halt war die Neonatologie (gehört das wirklich zur Geburtsabteilung?). Man erklärte uns als erstes, welche Ereignisse vorliegen könnten, die zu einer Verlegung des Neugeborenen auf die Neonatalogie führte. Während ihrer Ausführungen wollte uns die Hebamme sogar einen auf der Neonatologie stationierten Säugling zeigen. Zum Glück wurde dieser gerade durch eine Pflegefachperson betreut, so dass eine "Besichtigung" nicht möglich war. Mit feuchten Augen zog ich meinen Mann zur Seite. Ich wollte schnellst möglich hier weg.


Bei einer Geburt entsteht grundsätzlich Leben. Keine Erkrankung. Warum beginnt man immer mit dem Schlechten? Angstmacherei? Man wollte uns einen stationierten Säugling "zeigen", das fand ich absolut respektlos - wo bleibt die Privatsphäre? Haben die Eltern ihre Einwilligung gegeben? Dahinter steckt bestimmt eine sehr bewegende Geschichte eines Menschleins, dass noch nicht lange auf der Welt ist und sich seinen Start ins Leben gewiss angenehmer gewünscht hätte. Bitte versteh mich nicht falsch: Ich finde den medizinischen Fortschritt zweifelsfrei eine positive Errungenschaft. Dass es für viele Diagnosen, die früher das Todesurteil eines Neugeborenen bedeutet hätten, eine entsprechende Behandlung gibt, ist ein Segen. Somit ich verurteile die Existenz einer Neonatologie keineswegs. Ich finde es nur äusserst schade, dass man gleich zu Beginn auf entsetzliche Eventualitäten aufmerksam macht. Damit scheuert man gerade bei Verunsicherten Angst und deroutiert sie womöglich gänzlich.


Fakt ist, 97% aller Kinder kommen ohne Erkrankung oder Behinderung zur Welt. Diese Zahl deckt sich auch mit der Statistik 2017 der Intressensgeneinschaft der Geburtshäuser der Schweiz (IGGH-CH): Von den 1871 Babys, welche 2017 in einem Geburtshaus zur Welt kamen, mussten 48 (entspricht 2.7% [sic!]) in die Neonatologie verlegt werden. Die Meisten (43.75%) davon aufgrund eines Atemnotsyndroms. Von den 2098 im Geburtshaus begonnenen Geburten mussten 18.8% der Frauen während der Geburt in einen Spital verlegt werden. Der Hauptgrund (83.8%) waren Einstellungensanomalien des Kindes mit den daraus resultierenden Geburtsstillständen, verzögerten Geburten oder Wehenstillstände und somit Wunsch nach PDA. All diese Verlegungen sind planbar und stellen keine geburtshilflichen Notfälle dar. 11% waren Verlegungen aufgrund des Fötus (hauptsächlich Auffälligkeiten bei den Herztönen). Und 70 Frauen von den 2098 Geburten mussten nach der Geburt ins Spital verlegt werden (Hauptgründe nicht gelöste Plazenta, Naht der Geburtsverletzung).


Ich finde es zudem wichtig zu wissen, dass frau nur bei einem gesunden Schwangerschaftsverlauf im Geburtshaus gebären darf. Zwillings- oder Steissgeburten sind ebenfalls ausgeschlossen.


Beeindruckt bin ich immer noch von der Antwort einer Hebamme aus einem Geburtshaus, welches ich pränatal mit meinem Mann besichtigte. Ein werdender Vater, der aus einem Land mit hoher Kaiserschnittquote kam (der Kaiserschnitt wird dort als sicherste Geburtsmethode angesehen), fragte damals die Hebamme, wie sie ihm seine Angst vor einer natürlichen und ausserklinischen Geburt nehmen könne. Sie antwortete, vielleicht helfe es ihm zu wissen, dass fast für jede Hebamme nur eine Hausgeburt in Frage käme. Eine Expertin in ihrem Fachgebiet setzt sich nie einem bewussten Risiko aus. Geburtskomplikationen haben nicht zwingend Auswirkungen auf den Gesundheitszustand des Neugeborenen. Eine Erkrankung oder Behinderung des Fötus verursacht nicht zwingend Geburtskomplikationen - will heissen bei Geburtskomplikationen kommt meistens (d.h. folglich zu 97%) ein gesundes Kind zur Welt und vice versa eine Erkrankung oder Behinderung eines Neugeborenen kann mit einer komplikationsfreien Geburt einher gehen.

Nach diesen vielen Zahlen, Statistiken und Informationen kommt die sehr berechtigte Frage auf: Was, wenn man zu dieser dreiprozentigen Minderheit gehört? Augenscheinlich spielen dann all die obengenannten Zahlen und Informationen keine Rolle mehr. Sie werden schlicht irrelevant. Ungewünscht und meist überraschend, wird die Familie einer sehr belastenden Situation ausgesetzt, die (vermutlich) einschneidende Veränderungen in der betroffenen Familie und deren Lebensgestaltung mit sich bringt. Als Nichtbetroffene steht es mir nicht weiter zu über dieses Thema zu schreiben. Gerne möchte ich dafür an dieser Stelle das Buch von Gabriele Noack "Mein Glück kennt nicht nur helle Tage: Wie mein behindertes Kind mir beibrachte, die Welt mit anderen Augen zu sehen“ erwähnen, welches mich im Herzen sehr berührt hat.


Um zum Kern dieses Beitrages zurückzukehren: bei der Wahl der "Geburtslokalität" geht es weder um Fakten, Wahrscheinlichkeitsberechnungen, noch um Risikoabschätzungen: Es geht nur um die werdende Mutter und ihr Wohlbefinden. Je wohler, je geborgener eine Frau sich in einer Umgebung fühlt, und somit ihr Bedürfnis nach Sicherheit gedeckt ist, desto wahrscheinlicher ist ein Geburtsverlauf ohne Komplikationen. Bei den einen ist diese Wohlfühloase das Spital, bei den andern das Geburtshaus oder gar das eigene Zuhause. Sofern sich die werdende Mutter selbst zu hundert Prozent in der ausgewählten Lokalität wohl fühlt, ist es auch zu hundert Prozent der richtige Ort für sie zu gebären. Daher wünsche ich jeder werdenden Mutter stark genug zu sein, ohne Fremdeinfluss darüber entscheiden zu können, wo und wie sie gebären möchte. Überdies wünsche ich ihr, dass ihr Entscheid akzeptiert und von ihren nahestehenden Personen, wie beispielsweise vom Partner, begleitet und unterstützt wird.


Mein Weg führte mich ins Geburtshaus Delphys. Meine ganze Familie unterstützte meinen Entscheid, welchen ich zu keinem Zeitpunkt bereut habe. Der grösste Dank geht an meinen Mann, der mich vor der Geburt, mit HypnoBirthing, belgeitet und während der Geburt liebevoll unterstützt hat.


Herzlichst Nadine


Quellenangabe von Bücher und weiterführende Links/Bücher:


Geschrieben: 25. Oktober 2019


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