• nadine

Mein schreiendes Kind

Jedes Baby schreit. Schreien gehört zu Babys.

Doch was ist das "normale“ Mass an Schreien? Was ist „exzessives“ Schreien? Gibt es überhaupt eine Normierung?


Ein Schreibaby ist ein physisch gesundes Kind, das mehr als

3 Stunden pro Tag (innerhalb 24 Stunden),

an mehr als 3 Tagen pro Woche, während mehr als 3 aufeinander folgenden Wochen schreit.


So die Dreierregel von 1954 nach dem amerikanischen Kinderarzt Morris Wessel. Sie dient heute noch als Orientierungshilfe für die Einschätzung von "exzessivem Schreien". Neben Wessel’s Ausführung wird insbesondere die Unstillbarkeit der Schreiattacke als charakteristische Merkmal von Schreibabys betont.


Wer mit dieser Definition bereits vertraut ist, ist sehr wahrscheinlich selbst betroffen oder kennt betroffene Eltern.


Bis zum 14. Lebenstag unserer Tochter verlief alles so, wie man es sich vorstellt ein Neugeborenes zu betreuen (ausser meinem Scheitern mit Stoffwindel - Beitrag „Windelfrei - beindruckend, aber in westlicher Gesellschaft doch unmöglich...“).

Manchmal schreit es, weil es Hunger hat.

Manchmal schreit es, weil es Körperkontakt braucht.

Manchmal schreit es, weil es übermüdet ist.

Reagiert man entsprechend auf die Bedürfnisse des Säuglings dann ist es auch schon wieder still und schlummert gemütlich ein. Bekanntlich verschläft ein Neugeborenes mehr als die Hälfte des Tages. Dies konnte ich jedoch nie von unserer Tochter behaupten. Unsere Tochter brauchte seit Geburt extrem wenig Schlaf (seit Geburt max. 12h innerhalb 24h - siehe Beitrag „Wenig Schläfer - schlaflose Eltern“). So die Tage bis zum 15. Lebenstag.


Am 15. Lebenstag nachdem der Besuch nachmittags gegangen war, begann unsere Tochter zu schreien. Ich versuchte ihr Bedürfnis zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Doch all die üblichen Bedürfnisse schienen es nicht zu sein. Nach 30 Minuten ununterbrochen sehr schrillem Schreien wurden wir etwas nervös. Nach vier Stunden ununterbrochen sehr schrillem Schreien waren wir fix und fertig. Aus Verzweiflung rief ich meine Wochenbetthebamme an und bat um Rat. Da es bereits spät abends war und ein Besuch ihrerseits nicht mehr möglich war, erklärte sie uns verständnisvoll, wie wir uns zu verhalten haben ohne die Nerven zu verlieren. D.h. wenn immer möglich abwechslungsweise das Baby betreuen - ist man alleine mit dem Baby und kurz vor einem „Nervenzusammenbruch“: das Kind auf den Boden legen und für einen Moment das Zimmer verlassen, um sich zu sammeln (Bitte NIE ein Baby schütteln!!!). Sie bot uns an am nächsten Tag vorbeizukommen und uns mehr Information zum Schreiverhalten von Säuglingen während den ersten drei Lebensmonaten zu geben.

Am nächsten Tag erklärte sie uns, dass das Schreien von Säuglingen in der sechsten Lebenswoche meist den Höhepunkt erreicht und anschliessend bis zum Ende des dritten Lebensmonates endet bzw. sich verringern wird. In diesem Zusammenhang wird auch oft von den Dreimonatskoliken gesprochen. (Spannend wäre zu untersuche, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen Dreimonatskolliken und der sensiblen Phase der Ausscheidungskommunikation gibt - leider habe ich diesbezüglich keine Informationen gefunden).

Wir fühlten uns vorbereitet und etwas sicherer eine mögliche nächste Schreiattacke ohne Nervosität zu bewältigen. Und die Nächste stand bereits vor der Tür, als die Hebamme unser Haus verlies. Wir ahnten aber nicht, dass dies nur der Anfang war, eines ganz besonderen Kindes mit sehr schriller und ausdauernder Stimme, starkem Willen und Eltern, die nur noch auf dem Zahnfleisch gingen.

Ich bezeichne mein Kind nicht gerne als Schreibaby. Laut Definition von Wessel war sie aber mehr als ein Schreibaby. Es waren weit aus mehr als drei Stunden pro Tag, wo sie schrie. Und damit meine ich nicht weinen, sondern exzessives schreien, schreien wie am Spiess als würde man seinem Kind Sachen antun, die ich nicht mal zu schreiben wage. Ein Schreien, dass durch Mark und Bein geht. Wohlgemerkt unstillbar. Und das täglich. Und ja, weit mehr als auf drei aufeinander folgende Wochen. Die extrem heftige Zeit mit Schreien dauerte bis zum 20. Lebensmonat. Jeden Tag. Jede Nacht. Mein Mann und ich waren 20. Monate beinahe schlaflos (würde ich für mich noch meine Schwangerschaft mit einberechnen, so habe ich über zwei Jahre keine einzige Nacht durchgeschlafen). Denn das Schreien machte vor der Nacht keinen Halt. Das Schreien war so laut und aufdringlich, dass es kein Ort bei uns zu Hause gab, um sich zu verschonen oder gar Schlaf zu finden, wenn der andere übernahm. Zu spitzen Zeiten hatten wir während drei Wochen maximal eine Stunde Schlaf und notabene nicht am Stück.

Es war keine einfache Zeit für uns Eltern. Es war eine schreckliche Zeit für mich als Mutter. Extrem wenig Schlaf als Eltern zu bekommen ist das eine, aber zusätzlich das Kind im Wachzustand nur schreiend zu erleben...eine Grenzerfahrung. Eine Grenzerfahrung, die nicht nachvollziehbar erscheint, hat man es selbst nicht erlebt. Diese Hilflosigkeit nicht zu wissen, wie sein Kind zu beruhigen, nagt ungemein am Selbstvertrauen. Die Selbstzweifel, überhaupt eine fähige Mutter zu sein, übermannte mich täglich. Wie oft dachte ich „jetzt kann ich WIRKLICH NICHT MEHR“. Ich war suchend - suchend nach Hilfe, suchend nach Antworten. Wir liessen uns durch diverse Fachstellen unter anderem auch durch die Schreiambulanz beraten. Doch die professionellen Ratschläge von Nichtbetroffenen zermürbten mich noch mehr. Ich fühlte mich einfach nicht verstanden. Nicht verstanden, was es heisst sein Kind bis auf die zwei ersten Wochen nur schreiend zu erleben. Nicht verstanden, was dies für psychologische Aspekte mit sich trägt. Nicht verstanden, dass ich keine Ressourcen mehr hatte, keine Kraft und total verzweifelt war.

Die Folge: eine postnatale Depression!


Retrospektiv erkenne ich den Grund, warum niemand eine bevorstehende oder bereits vorhandene postnatale Depression bemerkte. Ich wirkte stets sehr gestanden, suchte entsprechend Hilfe und konnte rational gut über die anstrengende und energiefressende Situation sprechen. Im Gegensatz zu anderen Betroffenen mit einer postnatalen Depression, die versuchen so lange wie möglich die Fassade vom vermeintlichen Familienglück aufrechtzuerhalten. Aber auch hier gilt jede Mutter jeder Vater ist anders.


Trost fand ich im Begriff „High Need Baby“, obwohl ich grundsätzlich solchen Begriffen skeptisch gegenüberstehe. Gerade deshalb, weil die Gefahr besteht voreilig Schlüsse zu ziehen und so Kinder zu stigmatisieren.

Das High Need Baby ist ein Begriff von William Sears, amerikanischer Kinderarzt und bekannt für seine Erziehungsphilosophie "Attachment Parenting" (zu Deutsch: bindungsorientierte Erziehung oder bedürfnisorientierte Erziehung). Sears beschreibt mit diesem Begriff mittels zwölf Eigenschaften physisch und psychisch kerngesunde Säuglinge, die ausgeprägt starke Bedürfnissen haben und somit überdurchschnittlich viel von ihren Eltern abverlangen. Es gilt zu betonen, dass dieser Begriff keine Diagnose und folglich keine Krankheit, sondern lediglich eine Beschreibung extrem intensiver Säuglinge ist. Er soll Eltern helfen ihre Kinder mit starken Bedürfnissen zu verstehen.

Auf diesen Begriff stiess ich, weil unsere Tochter nebst dem markerschütternden Schreien, auch in manch anderen Dingen von „Standard“ abwich. Und mir so die gemütlichen Kaffeetreffs mit andern Müttern verunmöglichten. Bereits im Geburtshaus stellten Hebammen fest, dass unsere Tochter "so wach" war und alles mit sperrangelweit offenen Augen genauestens studierte. Zu dieser Wachheit gehörte auch eine gewisse Hyperaktivität. Sie war ständig "auf zack" und sehr fordernd. Bedauerlicherweise war sie aber kaum zufrieden zu stellen. Und dann diese Eigenheit, dass es unmöglich war unsere Tochter irgendwo hinzulegen. Sie wollte ständig getragen werden. Und ja nicht stehen bleiben oder gar absitzen, dann ging das Geschrei gerade wieder los. So waren wir ständig in Bewegung, ungeachtet, dass ich körperlich eigentlich keine Minute mehr stehen und tragen konnte. Der tolle Kinderwagen hatten wir also umsonst gekauft. Stattdessen durften wir uns mit Tragehilfen ausstatten (obwohl am liebsten mochte sie ohne Tragehilfe getragen werden!). Und hatte gestern irgendetwas funktioniert, dann funktionierte es heute garantiert nicht mehr. Als Eltern diese Flexibilität an den Tag zu legen, ist schwieriger als man sich das vorstellen kann. Wie bereits erwähnt brauchte sie extrem wenig Schlaf. Und da Hinlegen ihr nicht zusagte, schlief sie ausschliesslich bis zum achten Lebensmonat in einer Federwiege (gottlob haben wir das Dondolo zufällig bei einer Stillberatung entdeckt!). Dazu lernten wir auf Samtpfoten zu laufen. Nur schon das kleinste Geräusch, wie beispielsweise das Tippen am PC, liess unsere Tochter hochschrecken und (natürlich!) schreien. Eigenartig war auch zu beobachten, dass ihr Interesse ausschliesslich an Menschen galt und keinerlei "Babyhilfsmittel". Beispielsweise hatte sie kein Interesse an einem Nuggi (was ich eigentlich toll fand). Meine Wochenbetthebamme meinte aber, dass wir den Nuggi als medizinisches Hilfsmittel gegen das Schreien einsetzen sollten. So trainierten wir unserer Tochter den Nuggi an. Heute bereue ich den Entscheid auf meine Hebamme gehört haben. Und wäre das alles nicht genug, so war meine Tochter überhaupt nicht verschmust. Das was ich als Mutter so sehr gebraucht hätte, um all das Anstrengende etwas zu relativieren.


Zu behaupten, dass es solche Säuglinge nicht gibt und der Begriff High Need Baby "eine Wortschöpfung, die von Unwissenheit und Ratlosigkeit zeugt" sei - wie es uns der Kinderarzt in der Schreiambulanz wortwörtlich mitteilte, bestätigte selbst seine Unwissenheit. Selbst Sears war davon überzeugt bis sein viertes Kind zur Welt kam: "I originally believed that some of my patients were overreacting about their babies being overly fussy after having three easy babies. However, our fourth child was a different story for Martha and me. She was fussy just as those parents described in my office. We learned firsthand what it was like to have a fussy baby [...]".

Den Weg zur Schreiambulanz geht man als Eltern nicht freiwillig. Eltern, die sich an die Schreiambulanz wenden oder überwiesen werden, haben zweifelsohne alles in ihrer Kraft stehende versucht. Eine derartige Aussage des betreuenden Kinderarztes ist schlicht respektlos und unprofessionell. Ich gönne jeder Mutter und jedem Vater ein “easy“ Baby - auch jenem Arzt aus der Schreiambulanz (er hatte vier). Dennoch wünsche ich mir, dass sich die Menschen, die professionell mit Eltern und Baby arbeiten, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen beginnen auch ohne Impuls in Form einer Selbsterfahrung. Aus meiner Sicht eigentlich verpflichtend für einen Arzt.


Eine wertvolle Hilfe erhielt ich vom Verein Schreibabyhilfe. Auch wenn sich die Hilfe nur auf das Zuhören beschränkte, fühlte ich mich verstanden. Dort wird nach dem Konzept „Mami4Mami“ Unterstützung angeboten. D.h. Der Verein Schreibabyhilfe bietet betroffenen Eltern einen Austausch mit Eltern, die dieselbe Situation erlebten und durchgestanden haben.

An dieser Stelle möchte ich Sandra von ganzen Herzen danken! Ebenfalls Céline, die ich unter lustigen Umständen kennenlernte und erst nach neun Monaten persönlich getroffen habe. Unser wöchentlicher Austausch über unsere Kinder per Email oder SMS waren Gold wert.


Wie mein Mann und ich diese Zeit mit einem 160% Arbeitspensum zu Zweit, minimalem Schlaf und Nerven so dünn wie Papier überstanden haben, weiss ich bis heute nicht. Ich glaube aber fest, dass die Akzeptanz der Schlüssel war: Zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist und es gut so ist. Ich gebe zu, dass dies etwas vom Schwierigsten im Leben ist. An vereinzelten Tagen gelingt es einem sehr gut, am nächsten Tag ist man schon wieder auf der Suche nach dem Warum. Aber wir haben es geschafft. Und ich bin stolz eine solch charakterstarke Tochter zu haben. Schliesslich gab sie mir mit ihrem Dasein weitere Impulse, die mich unter anderem veranlassten “Impuls Lebensgestaltung“ ins Leben zu rufen.

Gerne hätte ich auch zu diesem Thema ein echtes AHA-Erlebnis gehabt. Leider kann ich von keinem berichten. Einzig meine Erkenntnis, dass mir das Verstandenwerden am meisten durch diese Zeit geholfen hatte. Dies führte mich zum Gedanken einer aktiven Erfahrungsgruppe. Dass eine solche nicht so einfach ins Leben zu rufen ist, wurde mir dann plötzlich bewusst:

  • Die meisten Eltern in einer Akutsituation haben keine Zeit und erst recht nicht die Ressourcen sich aktiv in einer solchen Gruppe zu beteiligen. Mein vollstes Verständnis dafür!

  • Die meisten Eltern, die eine solche Situation durchgestanden haben, sind erleichtert sich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen und daher nicht bereit sich aktiv in einer solchen Gruppe zu beteiligen. Ebenfalls mein vollstes Verständnis dafür!!

Ich gebe zu, für mich wäre es auch der einfachste Weg nachdem wir die strengste Zeit überstanden haben, diesem Thema aus dem Wege zu gehen.

Gleichwohl ist es mir ein Anliegen, dass Eltern in dieser Situation verstanden werden und falls gewünscht ihnen einen Austausch mit ebenfalls betroffenen oder ehemals betroffenen Eltern zu ermöglichen. Mein Angebot: Falls Du Dich und Deine Familie in meinem Text wiedererkennst und den Bedarf nach Austausch hast, dann melde Dich bei mir. Ich werde Dich verstehen und ein offenes Ohr haben. Ich kann Dir gerne erzählen, wie ich mich über Wasser hielt oder eben einfach nur zuhören.


In einem Notfall oder akuten Krise melde Dich bitte an die Nummer 0848 35 45 55 des Elternnotrufs.


Herzlichst

Nadine


Quellenangabe von Bücher und weiterführende Links/Bücher:

Geschrieben: 14. November 2019



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